Endspurt in Krakau: Neues von unserem Beiwagen 336

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Seit August 2010 laufen die Restaurierungsarbeiten am Beiwagen 336, dem bisher größten Projekt des Vereins:
In Nürnbergs Partnerstadt Krakau lassen wir den Beiwagen komplett rekonstruieren. Werfen Sie doch einen Blick hinter die Kulissen...

Das Historische Straßenbahndepot St. Peter in Nürnberg

... zeigt die wichtigsten und schönsten Straßenbahnwagen Nürnbergs von 1881 bis heute. Aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg haben zwar mehrere Triebwagen den Weg in das Museum gefunden, jedoch hat kein Beiwagen die Zeit überdauert. Lediglich drei Sandloren, die auf den Untergestellen von Beiwagen der Reihe 301-336 aufgebaut wurden, sind vorhanden. Eine davon besitzt das Fahrwerk des ehemaligen Beiwagens 336. Der Gedanke, dieses originale Untergestell für eine Rekonstruktion heranzuziehen und so die Lücke in der Sammlung zu schließen, wurde erstmals Mitte der 1980er Jahre formuliert. Zwar wurden damals bereits konkrete Überlegungen angestellt, jedoch scheiterte das Vorhaben an der Finanzierung. Seit 2006 unternahm der Verein erneut intensive Anstrengungen, um die Rekonstruktion des Beiwagens 336 zu ermöglichen.

Da weder im Hist. Straßenbahndepot St. Peter, noch in den Werkstätten der VAG ausreichende Kapazitäten vorhanden sind, erklärten sich die Verkehrsbetriebe der Nürnberger Partnerstadt Krakau bereit, den Wiederaufbau in ihren Werkstätten durchzuführen. Diese haben bereits 1984 den ehemaligen Nürnberger Straßenbahnwagen 144, der 1941 nach Krakau verkauft worden war, originalgetreu rekonstruiert. Dieser ist heute eines der Schmuckstücke der Sammlung historischer Straßenbahnwagen Nürnbergs. Das handwerkliche Können der Mitarbeiter der Krakauer Verkehrsbetriebe ist darüber hinaus sehr überzeugend. Die Partnerschaft der Städte Nürnberg und Krakau sowie die guten Beziehungen der Verkehrsbetriebe beider Städte schafften zudem die Grundlage für die vertrauensvolle Zusammenarbeit bei der Rekonstruktion des Beiwagens 336.

Am 7. April 2010 wurde die Sandlore mit dem Untergestell des ehemaligen Beiwagens 336 nach Krakau transportiert. Im Betriebshof Nowa Huta begannen die Arbeiten nach umfangreichen Vorbesprechungen am 1. August 2010.

„A dirty job“

Mit den Worten „a dirty job“ begrüßte Jacek Kolodziej, der den Wiederaufbau seitens der Krakauer Verkehrsbetriebe betreut, die Vertreter des Vereins im Betriebshof Nowa Huta unmittelbar nach Beginn der Arbeiten. Noch bestand die wahrlich schmutzige Arbeit darin, die alte Sandlore auseinanderzunehmen und den Zustand der bestehenden Substanz festzustellen. Aufgrund der ersten Begutachtung der Lore gingen alle Beteiligten davon aus, dass der Stahlrahmen in gutem Zustand sei. Das Gegenteil kam jedoch schnell zum Vorschein: Starker Rost hatte an manchen Stellen tragende Stahlprofile fast gänzlich zerfressen. Drei MPK-Mitarbeiter waren mehrere Wochen damit beschäftigt, die alte Lore in ihre Einzelteile zu zerlegen, um anschließend mit der Aufarbeitung der einzelnen Elemente beginnen zu können.

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Seitenpfosten der Sandlore und das Untergestell nach Entfernung des Holzfußbodens

Nachdem alle Bauteile abgebaut waren, wurde der Rahmen sowie die Radsätze durch Sandstrahlen vom Rost befreit. Anschließend wurde mit der mühevollen Aufarbeitung des Rahmens begonnen: Träger wurden getauscht und repariert, beschädigte Nietverbindungen wurden erneuert. Radsätze und Radsatzlager wurden in der Zwischenzeit ebenfalls aufgearbeitet. Zu guter Letzt wurden die Radsätze wieder eingebaut, der Wagen stand also Anfang November wieder auf „eigenen Beinen“.

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Korrodierte Stelle des originalen Untergestells

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Fertig aufgearbeitetes Untergestell nach dem Lackieren

Der Schreiner legt Hand an

Wenn ein bodenständiger Schreinermeister von seinem Betrieb als „Waggonbaufabrik Strysowski“ spricht, muss das etwas heißen! Seit November 2010 ist der Schreiner Krzysztof Strysowski mit seinen 5 Mitarbeitern mit den Arbeiten an unserem Beiwagen 336 beschäftigt. Wie ein Straßenbahnwagen anno 1906 gebaut wird, wissen die Handwerker inzwischen ganz genau: „It is a mystery!“ („Es ist ein Geheimnis!“), meinte Krzysztof Strysowski, als es um die Gestaltung der komplexen Verzapfungen des Holzwagenkastens ging. Denn von den alten Bauprinzipien der MAN-Schreiner konnte selbst der Schreinermeister in Wieliczka bei Krakau noch einiges lernen.

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Aufwändige Verzapfung am oberen Ende des Eckpfostens

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Besprechung mit den polnischen Kollegen in der Schreinerei in Wieliczka.

Die Schreiner fertigten zunächst Pfosten, Längsbalken und Fußbodenelemente anhand der Musterteile, die von der Restaurierung des Nürnberger Triebwagens 204 vorhanden waren. Das Holz für diese Elemente stammt aus Opole, dem früheren Oppeln: Bereits im Sommer 2010 hatte er zwei Stämme „Deutsche Eiche“ dort gekauft und zum weiteren Trocknen eingelagert. Balken um Balken wurde das Gerippe des Wagenkastens wieder errichtet. Ganz wie vor 104 Jahren werden die Holzelemente ineinander verzapft und verleimt. Zusätzlich dazu werden die Verbindungen durch Stahlwinkel verstärkt und verschraubt – ein Qualitätsmerkmal der MAN in Nürnberg. Das Holz bleibt anschließend weitestgehend unbehandelt, damit es atmen kann.

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Erster Aufbau des Holzgerippes und Gruppenfoto anlässlich des Besuchs der betreuenden Vereinskollegen.

Schritt für Schritt wurde in einem Nebenraum der Schreinerwerkstatt der gesamte Wagenkasten aus Eichenholz, das Dach sowie alle Innenverkleidungen und Fensterrahmen aufgebaut. Ende Februar 2011 war der Wagenkasten fertiggestellt und ein kompletter Straßenbahnwagen stand im nicht viel größeren Nebenraum der Schreinerei und wartete auf die Montage auf das überarbeitete Untergestell samt Fahrwerk. Eine Woche später, am 22. März 2011, begann der Aufbau der Holzelemente auf den stählernen Rahmen. Innerhalb von nur 10 Tagen konnte der gesamte Wagenkasten montiert werden. Meisterleistung!

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Zusammenbau des Holzgerippes auf dem Untergestell und das komplettierte Holzgerippe nach der Verblechung.

Viel Arbeit auch in Nürnberg

Fernab von Krakau ist nach wie vor in Nürnberg viel zu tun: Technische Details müssen laufend erarbeitet und dokumentiert werden. Alle Profile im Museumstriebwagen 204, der eine identische Innenraumgestaltung aufweist, wurden vermessen und skizziert. Eine umfangreiche Dokumentation und die originalen technischen Zeichnungen aus dem Jahr 1906 dienten den Freunden in Krakau als Arbeitsgrundlage.

Zahlreiche, aufwendig zu erstellende Gussteile aus Messing und Stahl, wie beispielsweise die Eckverzierungen an den Einstiegen oder die Haltegriffe, wurden bei in Nürnberg ansässigen Unternehmen in Auftrag gegeben. Im Fundus an Ersatzteilen konnte außerdem so manches Original-Bauteil aufgespürt werden, das künftig den Beiwagen 336 schmücken wird. So sind beispielsweise Original-Zahlfenster für die Schiebetüren, die Armlehnen der Sitzbänke sowie die Signalglocken für den Schaffner zusammen mit vielen weiteren Kleinteilen bereits einbaufertig in Krakau. Auch Emailschilder nach alter Vorlage wurden in Auftrag gegeben und selbst der Stoff für die Spring-Rollos konnte dank der Unterstützung der Stoffhandlung Bauer in Nürnberg nach alter Vorlage neu gewebt werden.

Erklärtes Ziel: Ein fahrfähiger Zeitzeuge

Der Beiwagen 336 soll nach seiner Restaurierung wieder durch Nürnberg fahren. Um dies zu erreichen, wird während der gesamten Restaurierung auf eine zulassungsfähige Ausführung der Arbeiten besonderer Wert gelegt. Ingenieure und Techniker aus den Reihen des Vereins reisen in ihrer Freizeit mindestens einmal pro Monat nach Krakau, um technische und historische Details vor Ort zu klären. Zusammen mit der Firma AEbt Angewandte Eisenbahntechnik, die als sachverständiger Gutachter dem Verein und der VAG Nürnberg bei der Wiederzulassung behilflich ist, werden derzeit die erforderlichen Unterlagen für die Wiederzulassung des Wagens für die Personenbeförderung im Rahmen von Sonderfahrten ausgearbeitet.

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Das fertiggestellte Dach aus Kiefernholz

Bereits Mitte April 2011 konnten alle notwendigen Kabel verlegt werden. Die Verblechung des Wagenkastens und die Fertigstellung des Holzdachs erfolgte im Herbst 2011. Parallel dazu laufen die Arbeiten an der Innenraumgestaltung. Im Frühjahr 2012 soll der Beiwagen 336 fertiggestellt sein und wieder in seine Heimat nach Nürnberg kommen. Voraussichtlich in Herbst 2012 soll er dann wieder durch die Frankenmetropole rollen – ganz wie vor 106 Jahren.

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Das Dach wird wie vor 100 Jahren mit dickem Segeltuch bespannt.
Vereinskollegen reisen extra dazu für eine Woche nach Krakau

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Das fertig bespannte Dach benötigt insgesamt 11 Schichten aus
Klebelack, Tuch, Spannlack und Decklack.

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Blick in das fast fertiggestellte Wageninnere am 1.12.2011:
Die Innendecke ist bereits zur Probe montiert, die Holzelemente warten auf den letzten Lacküberzug.

 

Finanzierung gesichert

Dank einer großzügigen Spende der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg sowie der Firma AEbt Angewandte Eisenbahntechnik, die auch die Begutachtung im Rahmen des Zulassungsverfahrens für den Beiwagen 336 durchführt, sowie der Unterstützung vieler Vereinskollegen und Dritter war am 16. Dezember 2011 das Ziel erreicht: 190.000 Euro an Zuwendungen und Verkaufserlösen waren zur Finanzierung des Projektes vorhanden. An dieser Stelle ein herzliches „Dankeschön“ an alle Unternehmen und Stiftungen, Vereinskollegen und Straßenbahn-Begeisterten, die durch eine Spende das bisher größte Restaurierungsprojekt in der Geschichte des Vereins ermöglicht haben.

 

Doch auch künftig sind wir auf Zuwendungen angewiesen, um Archive und Werkstätten auf einem zeitgemäßen Stand zu erhalten. Daher freuen wir uns selbstverständlich weiterhin über Ihre Unterstützung!

Bankkonto: 1.050.444 bei der Sparkasse Nürnberg, Bankleitzahl 760 501 01
Verwendungszweck: „Beiwagen 336“

Den aktuellen Projektfortschritt können Sie auch online nachverfolgen:
Unter www.bw336.de finden Sie immer aktuelle Informationen, Bilder vom Baufortschritt sowie den Stand der Finanzierung.

Auch unserem Schreiner können Sie einen Besuch abstatten: www.stryszowski.pl

Der Beiwagen 336:

Reihe: 301-336
Hersteller: MAN Nürnberg
Baujahr: 1906
Ausmusterung: 1958 (anschl. Sandlore)
Achsfolge: 2*
Länge: 8.000 mm
Breite: 2.050 mm
Achsstand: 2.800 mm
Leergewicht: 5.600 kg
Sitz-/Stehpl.: 16/32
February 2012
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