2012: Beiwagen 336

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Die Restaurierung des Beiwagens 336 - letzter Straßenbahnbeiwagen Nürnbergs aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg - ist ohne Zweifel das größte Projekt, das unser Verein zusammen mit vielen Partnern in der Vergangenheit gestemmt hat. Ausgehend vom noch erhaltenen Untergestell, zahlreicher Einzelteile und der originalen Zeichnungen wurde der Wagen in den Jahren 2010 bis 2012 originalgetreu von den Mitarbeitern der Verkehrsbetriebe MPK in Nürnbergs Partnerstadt Krakau wiederaufgebaut - und ist heute für Sonderfahrten einsatzbereit.

Unser Ziel: Einen Beiwagen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg!

Aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg haben zwar mehrere Triebwagen den Weg in das Museum gefunden, jedoch hat kein Beiwagen die Zeit überdauert. Auf Basis einer Sandlore, die auf dem Fahrwerk des ehemaligen Beiwagen 336 gebaut war, begann im Jahr 2010 der Wiederaufbau des in der Sammlung fehlenden Wagens, der ausschließlich durch Spendengelder finanziert wurde.

Da in Nürnberg kein geeigneter Standort für die Aufarbeitung gefunden werden konnte, erklärten sich die Verkehrsbetriebe der Nürnberger Partnerstadt Krakau bereit, den Wiederaufbau in ihren Werkstätten durchzuführen. Die Partnerschaft der Städte Nürnberg und Krakau sowie die guten Beziehungen der Verkehrsbetriebe beider Städte schafften die Grundlage für die vertrauensvolle Zusammenarbeit bei der Rekonstruktion des Beiwagens 336, zumal bereits im Jahr 1982 - zu Beginn der Städtepartnerschaft - der Triebwagen 144 in Krakau restauriert wurde.

Von Verladung bis zur ersten Fahrt - ein kleiner Bilderbogen

Die wichtigesten Bauphasen

"A dirty job"

Mit den Worten "a dirty job" begrüßte Jacek Kolodziej, der den Wiederaufbau seitens der Krakauer Verkehrsbetriebe betreute, die Vertreter des Vereins unmittelbar nach Beginn der Arbeiten. Noch bestand die wahrlich schmutzige Arbeit darin, die alte Sandlore auseinanderzunehmen und den Zustand der bestehenden Substanz festzustellen. Aufgrund der ersten Begutachtung der Lore gingen alle Beteiligten davon aus, dass der Stahlrahmen in gutem Zustand sei. Das Gegenteil kam jedoch schnell zum Vorschein: Starker Rost hatte an manchen Stellen tragende Stahlprofile fast gänzlich zerfressen.

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Seitenpfosten der Sandlore und das Untergestell nach Entfernung des Holzfußbodens

Nachdem alle Bauteile abgebaut waren, wurde der Rahmen sowie die Radsätze durch Sandstrahlen vom Rost befreit. Anschließend wurde mit der mühevollen Aufarbeitung des Rahmens begonnen: Träger wurden getauscht und repariert, beschädigte Nietverbindungen wurden erneuert. Radsätze und Radsatzlager wurden in der Zwischenzeit ebenfalls aufgearbeitet. Zu guter Letzt wurden die Radsätze wieder eingebaut, der Wagen stand also Anfang November 2010 wieder auf "eigenen Beinen".

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Korrodierte Stelle des originalen Untergestells   Fertig aufgearbeitetes Untergestell nach dem Lackieren

Der Schreiner legt Hand an

Wenn ein bodenständiger Schreinermeister von seinem Betrieb als „Waggonbaufabrik Strysowski“ spricht, muss das etwas heißen! Ab November 2010 war der Schreiner Krzysztof Strysowski (www.stryszowski.pl) Mitarbeitern mit den Arbeiten an unserem Beiwagen 336 beschäftigt. Wie ein Straßenbahnwagen anno 1906 gebaut wird, wissen die Handwerker inzwischen ganz genau: „It is a mystery!“ („Es ist ein Geheimnis!“), meinte Krzysztof Strysowski, als es um die Gestaltung der komplexen Verzapfungen des Holzwagenkastens ging. Denn von den alten Bauprinzipien der MAN-Schreiner konnte selbst der Schreinermeister in Wieliczka bei Krakau noch einiges lernen.

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Aufwändige Verzapfung am oberen Ende des Eckpfostens   Besprechung mit den polnischen Kollegen in der Schreinerei in Wieliczka.

Die Schreiner fertigten zunächst Pfosten, Längsbalken und Fußbodenelemente anhand der Musterteile, die von der Restaurierung des Nürnberger Triebwagens 204 vorhanden waren. Balken um Balken wurde das Gerippe des Wagenkastens wieder errichtet. Ganz wie vor 104 Jahren werden die Holzelemente ineinander verzapft und verleimt. Zusätzlich dazu werden die Verbindungen durch Stahlwinkel verstärkt und verschraubt – ein Qualitätsmerkmal der MAN in Nürnberg. Das Holz bleibt anschließend weitestgehend unbehandelt, damit es atmen kann.

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Erster Aufbau des Holzgerippes und Gruppenfoto anlässlich des Besuchs der betreuenden Vereinskollegen.

Schritt für Schritt wurde in einem Nebenraum der Schreinerwerkstatt der gesamte Wagenkasten aus Eichenholz, das Dach sowie alle Innenverkleidungen und Fensterrahmen aufgebaut. Ende Februar 2011 war der Wagenkasten fertiggestellt und ein kompletter Straßenbahnwagen stand im nicht viel größeren Nebenraum der Schreinerei. Eine Woche später, am 22. März 2011, begann der Aufbau der Holzelemente auf den stählernen Rahmen. Innerhalb von nur 10 Tagen konnte der gesamte Wagenkasten montiert werden. Meisterleistung!

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Zusammenbau des Holzgerippes auf dem Untergestell und das komplettierte Holzgerippe nach der Verblechung.
 
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Das fertiggestellte Dach aus Kiefernholz    

Auch der Verein legt Hand an: Kabel, Dach und Innenraum

Bereits Mitte April 2011 konnten alle notwendigen Kabel verlegt werden. Die Verblechung des Wagenkastens und die Fertigstellung des Holzdachs erfolgte im Herbst 2011. Parallel dazu liefen die Arbeiten an der Innenraumgestaltung. Im Frühjahr 2012 war der Beiwagen 336 fertiggestellt und konnte wieder in seine Heimat nach Nürnberg gebracht werden, wo der Beiwagen dann Anfang Juni 2016 seine erste Runde auf Nürnberger Boden drehte (siehe Rückschauartikel "Jugendstilbeiwagen 336 wieder zurück in Nürnberg"). Seit Herbst 2012 rollt er wieder durch die Frankenmetropole – ganz wie vor 106 Jahren.

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Das Dach wird wie vor 100 Jahren mit dickem Segeltuch bespannt. Vereinskollegen reisen extra dazu für eine Woche nach Krakau
 
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Das fertig bespannte Dach benötigt insgesamt 11 Schichten aus Klebelack, Tuch, Spannlack und Decklack.   Blick in das fast fertiggestellte Wageninnere am 01.12.2011:
Die Innendecke ist bereits zur Probe montiert, die Holzelemente warten auf den letzten Lacküberzug.
 
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Erklärtes Ziel: Ein fahrfähiger Zeitzeuge

Alle zwei Wochen machte sich eine Gruppe von Vereinsmitgliedern auf den Weg in das rund 800 Kilometer entfernte Krakau, um technische und gestalterische Fragen zu klären, das weitere Vorgehen abzustimmen oder Unterlagen und Beistellteile zu übergeben. Die Dachbespannung, elektrische Verkabelung und Lackierung des Wagens erfolgte sogar durch Nürnberger Personal von VAG und Verein. Nach Abschluss der Restaurierung wurden fast 50.000 Kilometer auf deutschen und polnischen Autobahnen zurückgelegt, über 4000 Emails in deutsch, englisch und bei schwierigen Themen unter Zuhilfenahme eines Übersetzungsbüros in polnisch geschrieben.

Der Beiwagen 336 sollte nach seiner Restaurierung wieder durch Nürnberg fahren. Um dies zu erreichen, wurde während der gesamten Restaurierung auf eine zulassungsfähige Ausführung der Arbeiten besonderer Wert gelegt. Zusammen mit der Firma AEbt Angewandte Eisenbahntechnik, die als sachverständiger Gutachter dem Verein und der VAG Nürnberg bei der Zulassung beistand, wurde das Ziel im Juni 2012 erreicht: Die Technische Aufsichtsbehörde der Regierung von Mittelfranken nahm den Wagen für Sonderfahrten ab. Die Technische Dokumentation für die Zulassung wurde durch die Mitarbeiter der VAG und Vereinsmitglieder in der Freizeit erstellt.

Finanzierung dank Spenden möglich

Dank einer großzügigen Spende der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg sowie der Firma AEbt Angewandte Eisenbahntechnik, die auch die Begutachtung im Rahmen des Zulassungsverfahrens für den Beiwagen 336 durchführte, sowie der Unterstützung vieler Vereinskollegen und Dritter war am 16. Dezember 2011 das Ziel erreicht: 190.000 EURO an Zuwendungen und Verkaufserlösen waren zur Finanzierung des Projektes vorhanden. An dieser Stelle ein herzliches „Dankeschön“ an alle Unternehmen und Stiftungen, Vereinskollegen und Straßenbahn-Begeisterten, die durch eine Spende das bisher größte Restaurierungsprojekt in der Geschichte des Vereins ermöglicht haben.

 

Technische Daten des Beiwagens 336:

Reihe:   301 - 336
Hersteller:   MAN Nürnberg
Baujahr:   1906/2011
Ausmusterung:   1958 (anschl. Sandlore)
Achsfolge:   2*
Länge:   8.000 mm
Breite:   2.050 mm
Achsstand:   2.800 mm
Leergewicht:   5.600 kg
Sitz- / Stehplätze:   16 / 32
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